Am Wiener Praterstern findet man am rückwärtigen Ausgang links dieses Schild. Kiss and Ride? Abenteuerliche Spekulationen über die Bedeutung dieses Wegweisers nehmen in meinem Kopf Gestalt an. Immerhin geht es hier, mehr oder weniger direkt, in den Vergnügungspark des Wiener Praters.
Die Neugier treibt mich unter dem Schild hindurch ins Freie. Kann das sein, dass es auf einem Bahnhof einen direkten Wegweiser ins nächstgelegene Rotlichtmilieu gibt? Bin ich Sensationslüstern? Ja, warum eigentlich nicht?
Draussen wartet die Enttäuschung. Ein Bauwagen, gestapelte Pflastersteine, Baustelle. Seltsam. Der Blick schweift von ganz links nach ganz rechts. Ich drehe mich um. Von hier wirkt der verheißungsvolle Ausgang völlig unspektakulär und vespricht nichts als S-Bahn und Schließfächer.
Ich gehe wieder in das Gebäude um das Schild genauer zu inspizieren. Hinter mir kommen zwei Polizisten herein. Die müssten doch über die notwendigen einschlägigen Informationen verfügen, denke ich mir und nehme mir ein Herz.
“Entschuldigen Sie bitte”, fange ich vorsichtig an. “Können Sie mir sagen was genau dieses Schild hier bedeutet?”
“Kiss and Ride meinen Sie?”, die Frau lächelt. “Das bedeutet dass Sie hier mit Ihrem Auto zufahren können um jemanden, zum Beispiel Ihre Freundin oder Frau, am Bahnhof aussteigen lassen können ohne langwierig einen Parkplatz suchen zu müssen.”
Ich sehe sie fragend an.
Da springt ihr Kollege in die Bresche. “Abschiedskuss und wieder losfahren. Sie verstehen?”
Heute hat mich ein Fahrradausflug an die deutsch-tschechische Grenze, genauer, an den Grenzübergang Tillyschanz geführt. Zuerst wollte ich nur bis zum Ende des Bocklweg-Radwegs radeln, konnte mir dann einen Abstecher zum 4km entfernten Grenzübergang nicht verkneifen.
Ab dem Ende des Bocklweg-Radwegs mitten in Eslarn fahre ich leicht ansteigend durch den Ort ehe man kurz nach dem Ortskern nach links Richtung Tillyschanz abbiegt. Die Steigung wird etwas stärker und im Treten kommt mir der Gedanke wie unbekümmert ich mich auf diesen Weg mache. So lange ist es wirklich nicht her dass dieser Grenzübergang in den Ostblock geführt hatte.
Ich kann mich noch erinnern wie beklemmend eine Einreise in die damalige ÄŒSSR war. Zwar war es für mich ausreichend den Paß und ein ausgefülltes Einreisepapier vorweisen zu können, aber das selbstgefällige Auftreten der Grenzbeamten auf tschechoslowakischer Seite gab einem eine Ahnung davon wie unangepasste Menschen in diesem Land behandelt werden würden.
Heute radle ich lustig der Landesgrenze entgegen und empfinde es als völlig selbstverständlich dass es ein Schengener Abkommen gibt das es mir ermöglicht einen von Zollbeamten verwaisten Grenzübergang zu passieren um billig an Zigaretten zu kommen. Aber ich rauche sowieso nicht
Dieser historische Moment soll gewürdigt werden. Also mache ich ein Foto und beschließe diesem Ereignis einen Blogeintrag zu widmen.
Wie zur Bestätigung meiner Gedankengänge sehe ich auf dem Rückweg einen Hinweis auf den rund 1570 km langen Paneuropa-Radweg von Prag nach Paris. Auch eine Idee, eigentlich.